UPDATE!   Die Information auf dieser Seite stütze sich bislang weitgehend auf Rudolf Palmes Aufsatz “Die Orgelwerke Magdeburgs einst und jetzt” in der “Zeitschrift für Instrumentenbau” von 1906.  Dank neuer Recherchen - hier sei Herr Martin Günther ganz besonders genannt - habe ich die hierin enthaltenen Irrtümer korrigieren können.

Die Orgeln der Vergangenheit

Sehr wenig ist bekannt von dem frühesten Orgelwerk im Dom zu Magdeburg. Zwar erwähnt Praetorius dieses Instrument wiederholt in seinem “Syntagma Musica”, aber nicht mal sein Standort ist wirklich sicher belegt. Auf eine weitere Seite haben wir die Information, die wir haben, zusammen getragen.

Im Jahre 1603 notierte Heinrich Compenius  bei der Vorbereitung seines großen Neubaus im Dom die Disposition einer im Dom schon vorhandenen Orgel, die er laut Aktenrecherche reparierte (Palme behauptete, er hätte diese Orgel abgebaut). Dieses Instrument war die Chororgel des Domes, also wäre ihrer Abbruch keine Voraussetzung für die Errichtung eines neuen Instrumentes auf der Westempore gewesen. Sie wurde ursprünglich 1536 von M. Michaelis für den Dom zu Halle gebaut, 1541 vom Magdeburger Domkapitel verpfändet und nach Magdeburg gebracht, wo sie auf dem Bischofsgang errichtet wurde. Diese Orgel, wie viele andere Orgeln dieser Zeit auch, beinhaltete sowohl Register die ein "Plenum" bildeten als auch Begleitregister, die im “Chorton” standen, also anders gestimmt waren. Diese Register konnten natürlich nicht zusammen benutzt werden. Im Endeffekt handelte es sich also um zwei Instrumente in einem.

      In der “Eigentlichen Beschreibung / Der Welt berühmtem / DOM KIRCHE, / Fundation, Raritäten / und Zieraths / ...... / der Stadt Magdeburg”, Ausgabe von 1716, ist zu lesen:

      15. Die kleinere Orgel befindet sich über dem Eingange in das Hohe Chor von der Seiten / wenn man zur Paradieß-Thüre herein kömmt, von welcher der gemeine Mann lange vorgegeben, als wenn sie vom Teuffel besessen wäre, so aber ganz falsch und irrig, indem selbige nur durch lange Unachtsamkeit unbrauchbar worden, nunmehro aber durch die Geschicklichkeit des jetzigen Organisten and der hiesigen hohen Stiffts-Kirche, Herrn George Tegtmeyers, Anno 1715. in solchen Stand wieder gebracht ist, dass sie allezeit bey der Musique gerühret wird.

      16. Über diß ist auch ein Positiv auf einem sonderlichen Chor von lauter hölzernen Pfeiffen, mit 6. Stimmen und 1. Tremulant, so Anno 1619. zu Cassel von Georg Weißlanden, aus Amberg bürtig gemacht, einen sehr lieblichen und anmuthigen Resonanz giebet, und vor der Reperation der vorhergehenden Orgel zur Music gebraucht worden.

 

Die Orgel, die Heinrich Compenius der Jüngere aus Halle in den Jahren 1604 bis 1615 erbaute, wurde als eines der bedeutendsten Instrumente seiner Zeit angesehen.

      (Palme gibt die Jahre 1604 / 5 an, aber im “Dom zu Magdeburg, beschrieben von J.F.W. Koch, Domprediger, Superintendenten und Mitgliede ds  Königl. Preuss. Magdeb. Consistoriums” - ohne Datum - ist zu lesen:

      20. Ehe man zur Abseite fortgeht, wird man wohl thun, einige Schritte in die Mitte des Schiffs der Kirche zurückzutreten um einen Blick auf die grosse Orgel zu werfen, welche über der Capelle in einer Höhe von 50 bis 108 Fuss steht und mit einer Menge von vergoldetem Schnitzwerk und Statuen geziert ist. Diese können durch Ziehwerke in Bewegung gesetzt werden. So z.B: David und Salomo, welche die Köpfe drehen; zwey Engel mit einer Laute und Zitter, welche sich ganz umwenden; mehrere Trompeter, welche das Instrument ansetzen und abziehen, und ganz oben ein schwarzer Adler, der sich in die Höhe hebt. Auf dem vordern Rück-Positiv steht in der Mitte ein Engel mit dem Notenbuch, der mit einem Stabe den Tact schlägt und zu seinem Füssen und vergoldeter Hahn, der mit den Flügeln schlägt......

      Sie hat 43 klingende Register; ist von 1604 bis 1615 gebauet, und ein Werk des damals berühmten Hallischen Orgelbauers Heinrich Compen. ...... Die Wappen und Namen dieser vier Künstler (Anm.: Bildhauer usw wurden benannt) stehen unter an der Orgel, so wie auch folgende Inschrift:

        Laudate Deum in tympano et choro; laudate eum in chordis et organo. Psalm CL

        Anno Domini MDCIV die XV. Maji inchoatum est hoc opus organicum et completum est ultima Novembris anno 1615. opera Henrici Compenii civis Hallensis

       

Ihre Disposition wurde von Michael Praetorius im zweiten Teil,  "De Organographia", seines 1619 in Wolfenbüttel veröffentlichten Hauptwerkes "Syntagma musicum" mitgeteilt. Diese Orgel umfasste drei Manualwerke (spielbar von zwei Manualen aus - das Brustwerk wurde wahrscheinlich vom Oberwerk aus bespielt), einschließlich eines 32' Principals im Oberwerk, der bis zum tiefen F ausgebaut war (also 24' Länge). Insgesamt besaß die Orgel 42 Register, 2 Tremulanten, Vogelgesang und eine Trommel. Praetorius berichtet, dass es 12 Lederbälge gab, gibt aber dazu keine weiteren Einzelheiten.

Orgel von Heinrich Compenius, 1604-6

        Koch, op. cit, weiter: “Mit dieser Orgel wird jährlich am Nachmittage des Michaelissontags, insonderheit den zu Tausenden hereinströmenden Landleuten, ein Volksschauspiel gegeben. Nach Absingen eines Liedes wird nehmlich die Orgel mit vollem Werke gespielt, wobey sich sämmtliche daran befindliche Figuren mit ihren musikalischen Instrumenten bewegen. Nach Beendigung des Orgelspiels schlägt der Hahn dreymal die Flügel und es lässt sich eben so oft ein Hahngeschrey hören, welches man durch eine einzelne Orgelpfeife oder auch durch das Mundstück einer Hoboe bewerkstelligt.

        Wann und woher dieser seltsame Gebrauch entstanden sey, ist nicht bekannt, wiewohl er ursprünglich zur Feyer der Verläugnung Petri gedient haben mag. Aber es wäre Pflicht, diesem Unfug ein Ende zu machen. Denn abgesehen auch davon, dass dieses Schauspiel der Würde eines Tempels entgegen ist, und manche Verunreinigungen und selbst Verwüstungen zur Folge hat, so ist es auch nicht ganz ohne gefahr, da in dem ungeheuren Gedränge sowohl, als auch durch das sehr besorgliche Herabstürzen der durch Zeit und Würmer wandelbar gewordenen Figuren von einer so bedeutenden Höhe leicht ein Unglück entstehen kann. Dennoch sind bisher die zuweilen gemachten Versuche, diesen Missbrauch abzuschaffen, vergeblich gewesen, weil der Landmann nun einmal so sehr daran hängt, dass die Messleute durch die Aufhebung dieser Volkslustbarkeit sehr zu verlieren meinen.”

        Eustachius Zehne, “Die Hochstiftskirche / oder / der Dom in Magdeburg”, 1784: “Der Zulauf des Volkes ist an diesem Tage sehr groß, vorzüglich von jungen ledigen Landleuten, welche glauben, daß sie, wenn sie den Hahn haben krähen hören, noch in demselben Jahre sich verheirathen werden.”

Während die Stadt im dreißigjährigen Krieg von den Truppen des Feldherrn Tilly fast vollständig zerstört wurde, entkam die Orgel 1631 der Vernichtung. Dieser Gefahr entkommen, wurde das Orgelgehäuse 1830 dann aber im Rahmen der Restaurierung des Domes unter Karl Friedrich Schinkel abgetragen. Die prachtvolle Fassade wurde im Turm gelagert, wo sie 1945 entdeckt und verheizt wurde. Einzig der goldene Hahn und eventuell eine weitere hölzerne Figur verblieben als Erinnerung an diesen herrlichen Prospekt.

Schinkels neoklassizistische Fassade sah folgendermaßen aus:

Gehäuse

Daraus ist schon ersichtlich, dass die Compenius-Orgel grundlegend umgebaut worden war (sie hat kein Rückpositiv mehr), und das nicht zum ersten Mal:

      aus der “Beschreibung der vorzüglichen Merckwürdigkeiten und Kunstsachen der Stadt Magdeburg” von August Christoph Meinecke des Jahres 1786:

      Ehe ich weiter gehe, will ich die große Orgel oben über dem großen Gitter in meiner Beschreibung hier auch gleich mitnehmen, weil das ohnedieß mein Leitfaden schon verlangt. Diese große Orgel hatte in den ersten und ältern Zeiten 43 Register oder Stimmen. Sie ist aber vor einigen Jahren ganz neu reparirt und so zu sagen umgearbeitet worden, daß sie nunmehr erst recht vorzüglich schön in ihren Stimmen geworden ist, die ich also, den Organisten und Sachverständigen zu Gefallen, etwas umständlicher im Folgenden beschreiben will.

      Es folgt die Disposition.

Die Ernennung August Gottfried Ritters (1811-1885) zum Domorganisten im Jahre 1847 machte Magdeburg zu einem Zentrum des Geschehens in der Orgelwelt. Ritter, der in Erfurt geboren wurde und Domorganist in Merseburg war, bevor er nach Magdeburg kam, war nicht nur einer der bekanntesten Orgelvirtuosen seiner Zeit sondern auch ein angesehener Komponist und Improvisator,  zugleich "Königlich-Preussischer Orgelrevisor" (zu jener Zeit war Magdeburg Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen). Liszt, der ihn gut kannte, verehrte ihn sehr. Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß bald Pläne für ein neues Instrument unter Verwendung des Gehäuses von 1830, das im neogotischen Sinne umgebaut wurde, aufkamen.

August Gottfried Ritter (1811-1885)

Der Orgelbauer, der für dieses Projekt auserwählt wurde, war Adolph Reubke, Vater des Komponisten Julius Reubke (ein Mitglied von Franz Liszts "Weimarer Kreis"), dessen Werkstatt in Hausneindorf im Harz in ca. 60 Kilometer Entfernung lag. Zwischen 1856 und 1861 plante und baute er ein viermanualiges Instrument mit 88 Registern. Reubke übernahm das Gehäuse von 1830, baute es aber um:

      Den Prospekt ließ man 1856 mit großem Geschmack besonders in der oberen Hälfte durch Gitterwerke, Spitzgiebel und Fialen außerordentlich verschönern und gab ihm einen mattdunkelgrünen Anstrich mit reicher Vergoldung, wie er heute noch besteht. 1856-1861 wurde auch die Orgel nach einer Disposition des Domorganisten Professor A. G. Ritter von dem Orgelbaumeister A. Reubke aus Hausneindorf neu erbaut, aber unter Verwendung einer Anzahl Stimmen aus der alten Orgel. (Palme 1906).

      roever

Die Orgel besaß mechanische Trakturen mit Barker-Hebeln. Ritter liebte anscheinend dieses Instrument sehr, obwohl Palme berichtet, daß die Traktur nie wirklich gut funktionierte: "Man saß an der Orgel wie auf einem störrischen Pferd und war glücklich, ohne Unfall davon zu kommen."

Das erkennbar klassische Aufbauprinzip dieser Orgel war einem Organisten der Generation Ritters noch annehmbar, sogar wünschenswert. Aber selbst zeit seines Lebens fand Ritter sich gezwungen, viele Kämpfe mit Orgelbauern zu führen, die nicht willens waren, die repetierenden Mixturen zu bauen, auf die er immer noch bestand.

Theophil Forchhammer

Der Amtsantritt Theophil Forchhammers als Nachfolger Ritters  im Jahre 1886 schuf neue Voraussetzungen. Forchhammers Vorstellungen vom guten zeitgenössischen Orgelbau waren von denen Ritters grundverschieden. 1906 war Forchhammer in der Lage, eine völlig neue Orgel bei Ernst Röver, der die Werkstatt Reubkes in Hausneindorf übernommen hatte, in Auftrag zu geben.

Die Orgel Rövers umfaßte zwar nur drei Manuale, aber genau 100 Register. Palme lobte die schnelle präzise pneumatische Traktur (dank des genialen Röverschen Kastenladens) und schrieb: "Die Majestät des Vollen Werkes, mit seinen volltönenden Bässen (einschließlich drei 32'-Registern) ist wahrlich überwältigend in seiner Kraft, Klangfülle und Erhabenheit, und füllt den immensen Raum bis in den entferntesten Winkel." Ein weiterer Eingriff in der Gehäusegestaltung geschah dabei: sie wurde 50cm höher aufgebaut und um 2m 50 nach hinter gerückt, um einen Choraufbau vor der Orgel zu erlauben.

      Palme, op. cit.: Dies war eine deutliche Verbesserung, denn hierdurch wurde nicht nur ein ansehnlicher Chorraum zur musikalischen Aufführungen gewonnen, sondern auch eine Verbindung des Organisten mit dem Chordirigenten ermöglicht, die total fehlte , denn der Organist hatte früher sein Platz eine ganze Etage höher in der Orgel selbst hinter dem mittelsten großen Pfeifentürme - eine Einrichtung, welche durch die kolossale Ausdehnung der Orgel nach Schleifladensystem bedingt wurde.

Bereits 32 Jahre nach Vollendung der Röver-Orgel schrieb der "Reichsorgelrevisor" und Musikdirektor der Universität Erlangen, Georg Kempff (Bruder des Pianisten Wilhelm) in einem Gutachten über die Orgel, dass diese zu nichts anderem als zum Brüllen und Flüstern fähig sei. Seine Schlußfolgerung: da eine (gute) Orgel "ihre Kraft aus den hohen Mixturen gewinnt", bliebe nichts anderes zu tun, als dieses Instrument abzureißen und ersetzen.

Dies erwies sich als unnötig: zwar verschonten die Bombenangriffe im Januar 1945, die 80% der Stadt zerstörten, die Westfassade des Domes und die Orgel, aber eine am 17. Februar desselben, letzten Kriegsjahres von einem Tiefflieger-Piloten offensichtlich gezielt zwischen die Türme abgeworfene Feuerbombe riß ein großes Loch in die Fassade des Domes. Die mündliche Überlieferung, nach dem diese Bombe ein direkter Treffer an der Orgel erzielte, stimmt zwar nicht: das Bild zeigt deutlich, dass nicht die Orgelempore sondern der Zimmermannsboden getroffen wurde, und das Gewölbe zwischen den Etagen wurde nicht beschädigt. Dennoch wurde die Orgel (durch eine Druckwelle?) beschädigt, und man konnte oder wollte sie nicht wieder in Stand setzen - warum auch, da der Dom selber bis 1957 nicht zu gebrauchen war. Der Magdeburger Orgelbauer Felix Brand baute sie ab; zumindest ein Teil des Pfeifenwerkes wurde nach Potsdam gebracht und in der Werkstatt Schuke eingeschmolzen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wurde ein Teil des Pfeifenwerkes der neuen Remterorgel daraus gefertigt.

              Die große Westempore blieb danach 60 Jahre leer.

 

 

WEITER

 

[START] [Orgeln (Deutsch)] [Orgeln der Vergangenheit] [Chororgel von 1536] [Rätsel Gothische Orgel] [Compeniusorgel in 1786] [Goldener Hahn] [Die Nachkriegsorgeln] [Die neue Westorgel]